Date: Fri, 10 Mar 2000 10:00:46 +0100

From: "Knitter Hans-Hermann" knitter.hanshermann@yucom.be

To: "Phys._Blätter" physbl@wiley-vch.de

Cc: "Brosa Ulrich" brosa@mailer.uni-marburg.de


Physikalische Blätter
Verbandsorgan der
Deutschen Physikalischen Gesellschaft
Pappelallee 3

D-69469 Weinheim


ANONYME GUTACHTEN NOCH ZEITGEMÄSS?

Sehr geehrte Damen und Herren

Ein Wissenschaftler, mit dem ich schon mehrere Male zusammen gearbeitet habe (Dr.U.Brosa) hat mit einem Leserbrief an Ihre Redaktion eine Diskussion über die anonyme Gutachtertätigkeit für wissenschaftliche Veröffentlichungen anregen wollen. Leider wurde sein Leserbrief (noch) nicht veröffentlicht.

Da ich sowohl Gutachten erstellt als auch wissenschaftliche Publikationen verfasst habe halte auch ich es fuer wünschenswert, die unwürdige anonyme Gutachtertätigkeit zu hinterfragen. Ich schlage vor, dieses Thema in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und damit in ihrem Verbandsorgan,den Physikalischen Blättern, zur Diskussion zu stellen.

Mein Vorschlag:

Wissenschaftliche Artikel, die an Fachzeitschriften zur Publikation eingereicht werden, sollen nicht mehr durch anonyme sondern nur noch durch namentlich bekannte Gutachter beurteilt werden; das will heissen, dass die Namen der Gutachter nicht nur dem Editor sondern auch dem oder den Verfassern der Arbeit bekannt gemacht werden müssen.

Begründung:

* Ich kenne keinen Grund, der für die Beibehaltung der bis heute anonymen Gutachtertätigkeit spricht.

* Anonyme Gutachten sind eines Wissenschaftlers unwürdig (wissenschaftliche Ethik).

* Anonyme Gutachten verhindern die faire wissenschaftliche Diskussion zwischen Autor und Gutachter.

* Jeder Autor verdient Respekt und hat das Recht zu wissen, von wem sein wissenschaftlicher Beitrag begutachtet und rezensiert wird.

* Anonyme Gutachten passen nicht in eine offene Demokratie.

* Ich selbst habe bei meinen Gutachten immer mit vollem Namen unterzeichnet und war und bin jederzeit offen für eine fair geführte Diskussion.

Konsequenzen:

Die Einführung von nur noch namentlichen Gutachten hat auch internationale Konsequenzen. Schon allein im vereinten Europa wäre es wirklich ein positives Signal, wenn DPG und EPS in ihren eigenen Publikationsorganen mit gutem Beispiel voran gingen und zur Veröffentlichung eingereichte Arbeiten nur noch durch Gutachter beurteilen und rezensieren lassen würden die bereit wären, dass auch ihre Namen und ihre Anschriften den Verfassern der Arbeit mitgeteilt werden.

Diskussionsforum:

Ich bitte Sie, den Brief von Herrn Dr. Brosa (inkl. Homepage-Angabe) und auch meinen in der Rubrik Leserbriefe zu veröffentlichen und Leser, besonders die Mitglieder der DPG, um ihre Meinung zu bitten. Ich freue mich auf Ihr Engagement und Ihre journalistische Neugier.

Mit freundlichen Grüssen

                                             Hans-Hermann Knitter