Im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb entscheiden anonyme Gutachter, ob ein Artikel veröffentlicht wird oder nicht.

Die anonyme Gutachterei begünstigt die üble Nachrede. Wie konnten Tausende, die sich so viel auf ihre Wahrheitsliebe zugute tun, an einem derart unverantwortlichen System teilnehmen? Wer ein negatives Urteil über andere fällt, muss persönlich dazu stehen.

Gelegentlich wird angeführt, es sei der Wahrheit förderlich, wenn die Gutachter im Dunklen blieben. Oft sei unter den Autoren eine einflussreiche Person, die über Einladungen zu Konferenzen oder die Besetzung repräsentativer Positionen entscheiden könne. Wenn diese Person erfahre, wer ihre Arbeit verrissen habe, müsse der Kritiker mit Vergeltung rechnen.

Feigheit und verlogenes Wesen gehören immer zusammen. Ein Mensch, der nicht wagt, die Wahrheit in aller Öffentlichkeit zu sagen, wird dies erst recht nicht in der Feme tun. Die Anonymität fördert sklerotischen Dünkel und Racheaktionen aus Eitelkeit ("Oh, sie haben mich nicht zitiert!"). Man kann auch nicht behaupten, solche Entgleisungen seien selten, da die Wissenschaftsgeschichte zeigt, wie schwierig es oft war, gerade besonders gute Arbeiten zu veröffentlichen.

Ein anderes Argument besagt, über die Veröffentlichung eines Artikels entscheide der Herausgeber und der sei den Autoren namentlich bekannt. Dieses Argument gilt nicht, weil die Herausgeber Überbeschäftigung vorschützen und so die meisten Gutachten ungeprüft übernehmen.

Seit Jahrhunderten ist bekannt, dass Anonymität viel zu anfällig für Missbrauch ist. Darum gibt es in der Justiz weder anonyme Richter noch Zeugen. Auch die Gutachter werden in Gerichtsverhandlungen vorgestellt.

Übrigens sind die Gefahren, denen sich ein kritischer Gutachter aussetzt, harmlos im Vergleich zu dem, was in Gerichten geschieht. Eine Richterin, die einen gewalttätigen Mann zu Unterhaltszahlungen an seine geschiedene Frau verurteilt, riskiert, über den Haufen geschossen zu werden. Trotzdem schreibt die Richterin ihren Namen unter das Urteil.